EU-Zulassung für Pflanzenschutzmittel schützt unsere Gewässer nicht!

Die derzeit gültigen Regelungen der behördlichen Zulassung von Pflanzenschutzmittel in der EU wurden 2009 verabschiedet und anschließend auch von Deutschland durch eine Novellierung der Pflanzenschutzgesetzes übernommen.

Da die auf den Wiesen und Feldern ausgebrachten Pflanzenschutzmittel durch den Regen in die Bäche, Flüsse und Seen gespült werden, sorgen sie dort für das Absterben von Tieren und Pflanzen. Um hier die Ausmaße der Umweltschädigung wissenschaftlich feststellen zu können, versucht die EU seit den 1990er Jahren mit Hilfe mathematischer Simulationsmodelle, sogenannter FOCUS-Modelle, die Giftkonzentration in den Gewässern durch Pflanzenschutzmittel vorherzusagen. Nur wenn diese Vorhersagen unterhalb der ökologisch bedenklich Wirkschwelle liegen, darf ein Pflanzenschutzmittel in Europa zugelassen werden.

Die Wissenschaftler des Instituts für Umweltwissenschaften in Landau machten nun die Probe aufs Exempel und verglichen in 122 Fällen die real gemessen Werte mit den von der EU für die Zulassung prognostizierten Werten. Das Ergebnis ist besorgniserregend: In vier von zehn Fällen ist die tatsächliche Belastung der Gewässer deutlich höher als vorausberechnet, zwischen den vorhergesagten Werten und tatsächlich gemessenen Werte gibt es weder einen statistischen noch einen augenscheinlichen Zusammenhang!

„Die Ergebnisse der Studie belegen eindeutig, dass die Berechnungsmodelle in ihrer aktuellen Form für den Gewässerschutz ungeeignet sind“, erklärt Prof. Dr. Ralf Schulz vom Institut für Umweltwissenschaften Landau. „Die Risikobewertung für zahlreiche in der EU zugelassene Wirkstoffe muss daher unter Berücksichtigung der aktuellen Ergebnisse erneut vorgenommen werden. Das ist Aufgabe der entsprechenden Zulassungsbehörden.“

Zusätzlich zur fehlerhaften Berechnung durch die EU könnten auch unzureichende Anwendungshinweise für die Landwirte durch die Hersteller zu den deutlich überhöhten Werten führen.

„Die Industrie als Zulassungsinhaber muss hier ihrer Verantwortung für einen vorsorgenden Umweltschutz gerecht werden und sich an der Ursachenaufklärung beteiligen. In jedem Fall brauchen wir auch in Deutschland mehr unabhängig gewonnene Daten zur Belastung von Gewässern in der Landwirtschaft mit Pflanzenschutzmitteln” meint Professor Schulz und empfiehlt: “Solange die tatsächlichen Ursachen nicht geklärt sind, sollten die im Rahmen der Zulassung vorhergesagten Umweltkonzentrationen bei Insektiziden sicherheitshalber um das Zehnfache erhöht werden, um die Gewässer ausreichend zu schützen.”

Die Ergebnisse der Studie „Regulatory FOCUS Surface Water Models Fail to Predict Insecticide Concentrations in the Field“ werden in der Fachzeitschrift „Environmental Science & Technology“ veröffentlicht. Eine Vorabversion ist online abrufbar.

Quelle: Universität Koblenz-Landau 2012